Die IG Metall Filstal sieht in den aktuellen Entwicklungen bei Volkswagen, den Auseinandersetzungen um tarifliche Standards in großen Teilen der ehemaligen WMF sowie den zunehmenden Drohungen zur Kündigung von Tarifverträgen in verschiedenen Unternehmen eine neue Qualität des Angriffs auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
„Wir erleben derzeit einen nie dagewesenen Angriff auf Errungenschaften, die über Jahrzehnte erkämpft wurden. Arbeitszeitregelungen, Tarifverträge, Mitbestimmung und soziale Sicherheiten werden gleichzeitig von Teilen der Wirtschaft und der Politik infrage gestellt. Das ist kein Zufall. Einige nutzen die Unsicherheit der wirtschaftlichen Transformation, um alte Forderungen nach mehr Arbeit für weniger Sicherheit wieder hervorzuholen“, erklärt Michael Kocken, Geschäftsführer der IG Metall Filstal.
Besonders kritisch bewertet die IG Metall Filstal die Entwicklung bei Volkswagen. Dort wurden zahlreiche Tarifverträge gekündigt. Gleichzeitig geraten auch im Filstal tarifliche Standards zunehmend unter Druck.
Bei mehreren GmbHs der ehemaligen WMF erleben die Beschäftigten aktuell eine Tarifrunde, in der selbst die Übernahme eines Flächentarifergebnisses der Metall- und Elektroindustrie nicht mehr selbstverständlich ist. In anderen Betrieben wird offen mit der Kündigung von Tarifverträgen gedroht.
„Wer heute Tarifverträge kündigt oder ihre Wirkung infrage stellt, greift nicht irgendwelche Paragrafen an. Er greift die Lebensplanung von Familien an. Er greift die Verlässlichkeit an, auf die Menschen nach jahrzehntelanger Arbeit vertrauen dürfen.“
Kocken macht deutlich, dass die Beschäftigten nicht bereit sind, für Managementversäumnisse und politische Fehler zu bezahlen.
„Die Kolleginnen und Kollegen haben weder Zukunftstechnologien verschlafen noch Investitionsentscheidungen getroffen. Sie haben produziert, entwickelt, organisiert und Unternehmen erfolgreich gemacht. Jetzt so zu tun, als müssten ausgerechnet die Beschäftigten die Rechnung bezahlen, ist nicht nur falsch, sondern respektlos.“
Für die IG Metall ist klar: Die Antwort auf die Herausforderungen der Transformation kann nicht in längeren Arbeitszeiten, schlechteren Arbeitsbedingungen oder der Demontage tariflicher Standards liegen.
„Eine Region wird nicht dadurch wettbewerbsfähig, dass Menschen noch mehr arbeiten. Wettbewerbsfähig wird sie durch gute Produkte, gute Ideen und mutige Investitionen. Wer glaubt, man könne die Zukunft zusammenkürzen, hat die Herausforderungen unserer Zeit nicht verstanden.“
Zugleich kündigt die IG Metall Filstal entschlossenen Widerstand gegen weitere Angriffe auf Tarifverträge an.
„Diese Angriffe können wir nur verhindern, wenn wir uns organisieren. Tarifverträge fallen nicht vom Himmel. Sie bestehen nur dort, wo Menschen bereit sind, gemeinsam dafür einzustehen. Dort, wo Beschäftigte sich organisieren und wehren können, werden wir erbitterten Widerstand gegen Tarifflucht und Sozialabbau leisten.“
Kocken sieht darin nicht nur eine gewerkschaftliche Aufgabe, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung.
„Die Frage ist doch: Wollen wir weiterhin eine Industrieregion mit guten Arbeitsplätzen sein oder eine Region mit wachsender Unsicherheit und immer mehr Billigkonkurrenz? Wer Fachkräfte halten will, muss ihnen Perspektiven bieten und keine Unsicherheit.“
Auch die Verantwortung von Politik und Unternehmen nimmt die IG Metall in die Pflicht.
„Wer ständig von Leistung spricht, sollte endlich auch über Anerkennung sprechen. Die Beschäftigten leisten jeden Tag ihren Beitrag. Jetzt sind diejenigen am Zug, die Verantwortung für Investitionen, Innovationen und Zukunftsstrategien tragen.“
Mit Blick auf die Zukunft des Filstals setzt die IG Metall Filstal daher auf Dialog und gesellschaftliche Bündnisse.
Im Rahmen der zweiten Filstalkonferenz will die Gewerkschaft Vertreterinnen und Vertreter aus Unternehmen, Wissenschaft, Politik, Kommunen und Zivilgesellschaft zusammenbringen.
„Ich wünsche mir, dass das Filstal Vorreiter und Exzellenz-Cluster für Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Produktion und zukunftsfähige Industrie wird. Wir brauchen Ideen für die nächsten zwanzig Jahre und nicht nur Sparprogramme für die nächsten zwei Quartale.“
Und Kocken ergänzt mit einem Augenzwinkern:
„Die Arbeitgeber müssen nicht gut sein. Aber sie sollten schlau sein. Man kann auch mit Tarifverträgen, Mitbestimmung und nachhaltigem Wirtschaften sehr erfolgreich Geld verdienen. Die erfolgreichsten Industrieregionen der Welt beweisen das jeden Tag.“
Die IG Metall Filstal ruft deshalb alle Beschäftigten auf, sich gewerkschaftlich zu organisieren und gemeinsam für sichere Arbeitsplätze, gute Tarifverträge und eine starke industrielle Zukunft einzutreten.
Denn klar ist: Die Zukunft des Filstals wird nicht durch Tarifabbau gesichert. Sie wird durch Innovation, Investitionen und Respekt vor den Menschen gestaltet, die jeden Tag den Wohlstand dieser Region erarbeiten.
Zur Pressemeldung der IG Metall Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zu VW